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Zur Entstehungsgeschichte des Denkmals für die
im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Am 12. Dezember 2003 fasste der Deutsche Bundestag den Beschluss, ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen zu errichten. Das Denkmal soll gemäß Bundestagsbeschluss die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.

Der Bundestagsbeschluss war ein wichtiger Erfolg für den Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) und für die Initiative "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken", die, unterstützt von zahlreichen Organisationen und Einzelpersönlichkeiten, sechzehn Jahre für dieses Projekt geworben hatten.

Zur Umsetzung des Bundestagsbeschlusses fand ein Kunstwettbewerb statt. Dieser wurde vom Land Berlin im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland organisiert. Ein Preisgericht kürte im Jahr 2006 aus siebzehn Einsendungen einen Entwurf des dänisch-norwegischen Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset zum Wettbewerbssieger. Der preisgekrönte Entwurf sah vor, eine Betonstele zu errichten, in der durch ein kleines Fenster ein endloser Film mit zwei einander küssenden Männern zu sehen ist.

Am 28. August 2006 führte der LSVD zu diesem Thema in Berlin eine Diskussionsveranstaltung mit den Künstlern durch. Kurz vor der Veranstaltung protestierte die Zeitschrift EMMA mit einem Aufruf dagegen, "dass das geplante Homo-Denkmal in Berlin ausschließlich männliche Homosexuelle zeigt" und forderte, "dass auch die weiblichen Homosexuellen angemessen berücksichtigt werden".

Die Künstler entgegneten dem Protest mit einer Erklärung unter dem Titel "Ein Porträt ist keine Repräsentation". Sie wiesen die Intention des Ausschlusses weit von sich und gaben zu bedenken: "Ein Denkmal ist eine Form künstlerischen Ausdrucks und das Resultat persönlicher Interpretation – dies macht es zum Kunstwerk." Sie erklärten ihren "Entschluss, das Bild zweier küssender Jungs zu nehmen[,] … [damit], dass wir Machismus und Homophobie als eng verbunden betrachten. Das Selbstbild einer männlichen Sexualität, das alles fürchtet, was es potentiell bedrohen könnte."

Die Strafrechtsprofessorin Monika Frommel sagte zum Streit um das Mahnmal für die homosexuellen Opfer der NS-Zeit gegenüber der Tageszeitung taz: "Ignoriert zu werden, wie die lesbischen Frauen durch die Nationalsozialisten, mag kränkend sein, ist aber keine Tragödie – und erst recht keine Verfolgung. Das Mahnmal sollte nur den schwulen Männern gewidmet sein".

Die Mitgliederversammlung des LSVD Berlin-Brandenburg sprach sich in einer Resolution vom 28. Oktober 2006 dafür aus, das Denkmal "im Sinne des Bundestagsbeschlusses vom 12. Dezember 2003, den historischen Tatsachen gerecht werdend, in Form des im künstlerischen Wettbewerb am 25. Januar 2006 preisgekrönten Entwurfs von Michael Elmgreen und Ingar Dragset" zu verwirklichen ( www.berlin.lsvd.de). Der LSVD-Landesverband wandte sich damit gegen eine Veränderung des preisgekrönten Entwurfs zugunsten einer Einbeziehung lesbischer Frauen.

Gegen die "Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke – und mag sie noch so gut gemeint sein –" wandten sich auch die Leiter der KZ-Gedenkstätten in einer Erklärung vom 19. Mai 2007.

Nach einem längeren Diskussionsprozess entschied die Bundesregierung unter Einbeziehung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann über die Form des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Demnach soll der im Denkmal gezeigte Film alle zwei Jahre ausgetauscht werden, so dass in einem späteren Film auch Bilder von Frauen gezeigt werden könnten. Die Entscheidung über den neu zu installierenden Film soll jeweils eine Expertenjury treffen.

Im Frühjahr 2010 flammte der Streit erneut auf. Die Leiter der deutschen KZ-Gedenkstätten warnten angesichts der Ausschreibung für einen neuen Film mit "gleichgeschlechtlicher Kussszene", die auch eine lesbische Kussszene ermöglichen würde, vor einer "Verfälschung der Geschichte". Die Zeitschrift Emma reagierte mit einem Artikel, in dem erneut versucht wurde, zu beweisen, dass es eine  Lesbenverfolgung im "Dritten Reich" gegeben habe.
 Weitere Informationen zur neuen Debatte

Das Denkmal wird seit Mai 2008 im Auftrag der Bundesregierung von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut. Weitere Infos dazu unter
www.stiftung-denkmal.de

Weitere Informationen zur Entstehungsgeschichte des Denkmals finden sich auf der Internetseite www.gedenkort.de

 

Publikationen zum Denkmals-Streit:

 Offener Brief der KZ-Gedenkstättenleiter vom 18. März 2010

 Reaktion des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vom 24. März 2010 

 FAZ, 19. Mai 2010: Abschiedskuss für die Geschichte

 Süddeutsche Zeitung, 19. Mai 2010: Entwertung der Geschichte

 Deutschlandfunk, 12.4.2010: Streit um Homosexuellendenkmal in Berlin

 Tagesspiegel, 6.4.2010: Küssende Frauen statt küssender Männer

 Emma, 6.4.2010: NS-Verfolgung von Lesben wird weiter geleugnet

 Berliner Zeitung, 30.3.2010: Homosexuelle im Tiergarten

 Süddeutsche Zeitung, 26.3.2010: Elendige Kuss-Quote

 Die Presse, 25.3.2010: Marginalie: Die Legende der verfolgten Lesben

 ddp, 24.3.2010: Kritik an Gestaltung des Denkmals für verfolgte Homosexuelle zurückgewiesen

 Die Welt,  24.3.2010: Streit um Umgestaltung des Homosexuellen-Mahnmals

 epd, 22.3.2010: Streit um Homosexuellen-Mahnmal in Berlin 

 Frankfurter Rundschau, 19.3.2010: Kusswechsel

"Mal wieder die Frauen vergessen" Kampagnenstart der Emma-Redaktion (externer Link)

Offener Brief von Silke Radosh-Hinder an die Emma-Redaktion – 30. Okt. 2006

Resolution des LSVD-Landesverbandes Berlin-Brandenburg – Oktober 2006

"Zeit der Maskierung" (Emma zur vermeintlichen Lesbenverfolgung – Januar 2007, externer Link)

Der vollständige Redebeitrag Andreas Pretzels vom 11. Januar 2007

Erklärung der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten vom 19. Mai 2007

Erklärung des Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung vom 4. Juni 2007 (externer Link)

"Zwei Jahre Männer – zwei Jahre Frauen" Frankfurter Allgemeine vom 5. Juni 2007

"Kein Gedenken im Tiergarten?" Eberhard Zastraus Faltblatt zu Hintergründen und Entwicklung des Konflikts (Juni 2007, PDF-Dokument)

"Quotierte Küsse" Die Süddeutsche Zeitung nennt Denkmal-Kompromiss einen Skandal – 23. Juni 2007

Kontroverse ums Küssen im Denkmal Eberhard Zastrau im Gedenkstätten-Rundbrief Nr. 138 – August 2007

Ecce homo Der Tagesspiegel berichtet ausführlich über die anstehende Übergabe des Denkmals – 24. Mai 2008 (externer Link)

Szenelokalverbot gleich Konzentratonslager? Die Frankfurter Allgemeine geht noch einmal auf den Streit ums Homosexuellen-Denkmal ein – 24. Juni 2008 (externer Link)

 
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