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Homosexuellenverfolgung im "Dritten Reich"

Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Ende Januar 1933 wurde die erste deutsche Schwulen- und Lesbenbewegung zerschlagen. Bereits im März 1933 wurden schwule und lesbische Kneipen in Berlin und anderen Städten geschlossen. Am 6. Mai 1933 plünderten Studenten und SA-Männer Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Magnus Hirschfeld war als Gründer des "Wissenschaftlich-humanitären Komitees", der weltweit ersten Homosexuellenorganisation, eine zentrale Figur der damaligen Schwulenbewegung. Die umfangreiche Bibliothek seines Institutes wurde geplündert und auch eine Büste Hirschfelds geraubt.

Beim Fackelzug zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurde Hirschfelds Büste wie eine Trophäe mitgeführt (Foto). Zahlreiche Bücher aus dem Institut und auch die Büste wurden auf dem Berliner Opernplatz ins Feuer geworfen. Die Zerschlagung der ersten deutschen Homosexuellenbewegung war umfassend. Die gesamte Infrastruktur, Lokale, Vereine, Verlage und Zeitschriften wurden aufgelöst, verboten und zerstört.

1934 setzte die systematische Verfolgung homosexueller Männer ein. Am 24. Oktober ordnete die preußische Geheime Staatpolizei (Gestapo) in einem Telegramm die reichsweite Erfassung "sämtlicher Personen, die sich irgendwie homosexuell betätigt haben" an. In München wurden im Oktober erste Razzien auf Homosexuelle durchgeführt, 48 schwule Männer wurden dabei  ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Im Dezember kam es dann auch in Berlin zu Razzien in Kneipen, die als Treffpunkte schwuler Männer dienten. Insgesamt wurden bei diesen ersten Razzien mehrere hundert Homosexuelle verhaftet, viele von ihnen wurden im Anschluss in Konzentrationslager verschleppt. Besonders im Konzentrationslager Lichtenburg waren 1934 und 1935 viele schwule Männer inhaftiert. Im Mai 1935 wurden einer Gestapo-Statistik zufolge reichsweit 513 schwule Männer in Konzentrationslagern gefangengehalten. Im Sommer 1935 wurde der Strafrechtsparagraph 175 erheblich verschärft. Nun waren nicht mehr nur die widernatürliche Unzucht (Analverkehr) sondern auch schon eindeutige Blicke und Anbahnungsversuche strafbar. Nach dieser Verschärfung setzte eine neue Verfolgungswelle ein. Über 100.000 Männer wurden polizeilich erfasst, rund 50.000 Männer wurden bis 1945 nach dem neuen § 175 verurteilt.

Ein großer Teil der Verurteilten wurde nach Verbüßung ihrer Haftstrafe entweder von den Justizbehörden direkt ins Konzentrationslager überstellt oder bald nach der Entlassung durch die Gestapo in sogenannte „Schutzhaft“ genommen, was ebenfalls die Einlieferung ins Konzentrationslager bedeutete. Dort wurden die schwulen Männer besonders gekennzeichnet, zunächst unter anderem mit einem großen A wie im KZ Lichtenburg, später nach Einführung einheitlicher Häftlingskategorien, etwa ab 1938 mit dem "Rosa Winkel". Damit wurden sie als Angehörige einer am unteren Ende der Lagerhierarchie rangierenden Gruppe gebrandmarkt. Die Behandlung durch die SS-Mannschaften war oft besonders grausam. Oft blieb den schwulen Häftlingen auch die Solidarität ihrer Mitgefangenen versagt. Die Überlebenschance der Männer mit dem Rosa Winkel in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern war aus diesen Gründen sehr gering.

Vorsichtigen Schätzungen zufolge waren in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zwischen 5.000 und 15.000 homosexuelle Männer inhaftiert. Ein großer Teil von ihnen überlebte den NS-Terror nicht. Rüdiger Lautmann (1) hat die Todesrate in seinem Standardwerk von 1977 auf 60 Prozent geschätzt.

Opferzahlen zu nennen ist aber gerade bei den Rosa-Winkel-Häftlingen sehr schwierig, denn ihre Verfolgungsgeschichte war über Jahrzehnte tabuisiert. Bis heute ist die Situation der Homosexuellen im "Dritten Reich" für die universitäre Forschung kein großes Thema. Was wir inzwischen wissen, ist der oftmals ehrenamtlichen Arbeit meist schwuler Historiker zu verdanken.

(1) Rüdiger Lautmann: Seminar Gesellschaft und Homosexualität (hier insbesondere 8. Kapitel). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977 (2. Auflage 1984).

© Alexander Zinn

 

Chronik der Homosexuellenverfolgung

1919 bis 1933 In der Weimarer Republik erstarkt die bereits im Kaiserreich gegründete Bürgerrechtsbewegung der Schwulen und Lesben. 1929 empfiehlt der Rechtsausschuss des Reichstages eine Aufhebung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen unter Erwachsenen. Die Stimmengewinne der Nazis und die Krise der Weimarer Republik verhindern eine Umsetzung dieses Beschlusses.

30. Januar 1933 Machtantritt der Nationalsozialisten

23. Februar 1933 Der Preußische Innenminister ordnet an, die Gaststätten zu schließen, »die den Kreisen, die der widernatürlichen Unzucht huldigen, als Verkehrslokale dienen«. Schwulen- und Lesbenlokale werden geschlossen.

Februar/März 1933 Die ersten homosexuellen Männer werden in Konzentrationslager eingewiesen. Die Nationalsozialisten verbieten die Organisationen der Schwulen und Lesben oder zwingen sie zur Selbstauflösung. Zeitschriften und Bücher werden verboten, Verlage geschlossen.

6. Mai 1933 Das von Magnus Hirschfeld gegründete Institut für Sexualwissenschaft in Berlin wird von NS-Studenten gestürmt und verwüstet. SA-Uniformierte transportieren auf Lastwagen die Institutsbibliothek ab. Am 10. Mai 1933 werden die Bücher auf dem Berliner Opernplatz zusammen mit den Werken »undeutscher« Schriftsteller wie Bert Brecht, Thomas und Heinrich Mann, Franz Kafka verbrannt.

24. Oktober 1934 Heinrich Himmler weist alle deutschen Polizeidienststellen an, eine »namentliche Liste sämtlicher Personen, die sich irgendwie homosexuell betätigt haben«, anzufertigen. Die fertigen Listen der erfassten Männer sollen beim Geheimen Staatspolizeiamt Berlin eingereicht werden. Dort wird Ende Oktober ein Sonderdezernat Homosexualität eingerichtet.

26. Juni 1935 In einer Änderung des »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« wird auch die »kriminalpolitisch indizierte Kastration« homosexueller Männer ermöglicht. Um Strafhaft und KZ zu entgehen, sehen sich viele verurteilte Homosexuelle gezwungen, die »freiwillige« Kastration zu wählen. Ab 1942 werden in den Konzentrationslagern auch Zwangskastrationen »legalisiert«.

28. Juni 1935 § 175 des Reichsstrafgesetzbuches wird verschärft. Jede Form von »Unzucht« unter Männern wird unter drakonische Strafe gestellt. Damit wird eine totale Kriminalisierung männlicher Homosexualität verordnet. Die Verurteilungsziffern gehen steil nach oben. Insgesamt werden in der NS-Zeit etwa 50.000 Urteile wegen »Unzucht« unter Männern gefällt.

10. Oktober 1936 Heinrich Himmler richtet die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung ein. Ihre Aufgaben sind die »zentrale Erfassung« und »wirksame Bekämpfung« der beiden »Volksseuchen«.

12. Juli 1940 Himmler ordnet an: Alle nach § 175 verurteilten Homosexuellen, »die mehr als einen Partner verführt haben«, sind »nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in polizeiliche Vorbeugehaft zu nehmen«. Das heißt, sie werden in Konzentrationslager verschleppt. Wegen Homosexualität eingewiesene Männer müssen als Kennzeichen zumeist den »Rosa Winkel« tragen.

Nur eine Minderheit überlebt den Terror der Lager.
Rosa-Winkel-Häftlinge sind nachgewiesen in Auschwitz, Bergen-Belsen, Berlin/Columbiahaus, Buchenwald, Dachau, Emslandlager, Flossenbürg, Groß Rosen, Lichtenburg, Majdanek, Mauthausen, Mittelbau-Dora, Natzweiler, Neuengamme, Ravensbrück (Männer-Lager), Sachsenhausen, Stutthof.

15. November 1941 Im »Erlass des Führers zur Reinhaltung von SS und Polizei« ordnet Hitler die Todesstrafe für homosexuelle Betätigung durch Angehörige von SS und Polizei an.

19. Mai 1943 Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, General Keitel, erlässt »Richtlinien für die Behandlung von Strafsachen wegen widernatürlicher Unzucht«. In »besonders schweren Fällen« soll die Todesstrafe verhängt werden.

1944 Der dänische SS-Arzt Carl Vaernet führt im Konzentrationslager Buchenwald medizinische Experimente an Homosexuellen durch. Mit der Implantation künstlicher Hormondrüsen in der Leistengegend will er Homosexualität »heilen«.

8. Mai 1945 Kriegsende. Befreiung der Konzentrationslager. Anders als andere Nazigesetze heben die Alliierten die Verschärfung des § 175 nicht auf. Befreite Homosexuelle werden mitunter zur Verbüßung ihrer Reststrafe in den normalen Vollzug überstellt. Der § 175 bleibt in der Bundesrepublik in der Nazifassung bis 1969 in Kraft. Die DDR kehrt 1950 zur »milderen« Vor-Nazi-Fassung zurück.

29. Juni 1956 Das Bundesentschädigungsgesetz für Opfer des Nationalsozialismus wird verkündet. Verfolgung aufgrund der Homosexualität wird nicht als typisches NS-Unrecht anerkannt.

10. Mai 1957 Das Bundesverfassungsgericht stuft den § 175 in der Fassung von 1935 als »ordnungsgemäß zustandegekommen« ein. Er sei nicht »in dem Maße nationalsozialistisch geprägtes Recht«, dass ihm »in einem freiheitlich demokratischen Staate die Geltung versagt werden müsse«. Die Verfassungsrichter urteilen: »Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz.«

1. September 1969 In der Bundesrepublik tritt die erste Reform des § 175 StGB in Kraft. Homosexualität unter Erwachsenen wird straffrei. Endgültig aufgehoben wird der § 175 erst 1994.

 
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