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Offener Brief gegen die Unterschriftenaktion der Emma-Redaktion zur Erweiterung des Mahnmals für homosexuelle Opfer


Berlin, 30.10.06

Sehr geehrte Emma-Redaktion.

dank moderner Kommunikationsmittel erfuhr ich heute von der Protest- und Unterschriftenaktion zur Erweiterung des Mahnmal zur Erinnerung an die Verfolgung homosexueller Männer während des Nationalsozialismus.

Ich möchte mich mit diesem Schreiben entschieden gegen eine solche Erweiterung wie auch gegen diese Protestaktion aussprechen, weil sie die generelle Verwischung des Begriffes "Opfer" in Bezug auf die Verfolgung während des NS unterstützt.

Ich selbst bin lesbische Pfarrerin und Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis. Ich bin mir also der grundsätzlichen Ausgrenzung und des Vergessens von Frauen im gesellschaftlichen Umfeld bewusst. Bei dem Mahnmal geht es aber um die Erinnerung an die gezielte und systematische Verfolgung (in Köln außerdem noch die Sterilisierung) von Schwulen während des NS, die deren Vernichtung – insbesondere in den Konzentrationslagern zum Ziel hatte. Auch wenn Lesben ebenfalls nicht mit dem Weltbild des Nationalsozialismus kompatibel waren und das geringere Ausmaß der Verfolgung wahrscheinlich der Ignoranz lesbischen Lebens gegenüber geschuldet war, ist kaum zu leugnen, in welch dramatischerer und demütigenderer Weise die Verfolgung von Schwulen vonstatten ging.

Schon 1993 schrieb Claudia Schoppmann in ihrem Buch "Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im 'Dritten Reich'": "Selbst im NS-Staat, dem Unrechtsstaat par excellence, gab es keine strafrechtliche Verfolgung lesbischer Frauen, während gleichzeitig rund 50.000 Männer nach Paragraph 175 StGB verurteilt und 10 – 15.000 in KZs eingeliefert wurden, von denen rund zwei Drittel nicht überlebten." (S. 13)

Auch wenn es Zeugnisse von Verfolgung von Lesben gibt, belegt gerade das Beispiel, das in der Begründung bemüht wurde, die Unterschiedlichkeit der Verfolgung. Diese Unterschiede sollen und dürfen nicht verwaschen werden – gerade um nicht in der Verdacht zu geraten, die Verbrechen des NS insgesamt zu verwischen (am Ende sind alle Opfer, das kennen wir schon aus der unerträglichen Diskussion um das Zentrum für Vertriebene).

Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist eine der zentralsten gesellschaftlichen Aufgaben der Gegenwart, aber dabei sollte man sich doch an das historische Wissen halten und nicht in einem allgemeinen "auch wir waren Opfer" verwischen. Mir scheint dieses Anliegen eher den traditionellen Opferdiskurs in manchen Teilen der Frauenbewegung wiederzuspiegeln als das Interesse, an die Verbrechen des NS angemessen zu erinnern.

Ich fordere Sie daher auf, Ihre Unterschriftenkampagne einzustellen und diejenigen zu unterstützen, die sich auf den mühsamen Weg gemacht haben, ein Denkmal für die Verfolgung von Schwulen während des NS durchsetzen.

 

Silke Radosh-Hinder

Pfarrerin und Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis

 
für die gesamte Website: © Alexander Zinn 2008
Aller verfolgten im Nationalsozialismus gedenken - Winkel in allen Farben der Haftgruppen