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Einweihung des Homosexuellen-Denkmals

Rede von Günter Dworek,
Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD)

Rede zur Übergabe des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Die ermordeten Homosexuellen haben keinen Grabstein. 63 Jahre nach der Befreiung gibt es nun für sie einen nationalen Ort der Erinnerung. Endlich! Die Denkmalsinitiative und der LSVD haben 16 Jahre dafür gekämpft.

Das Denkmal will die Verfolgten und Ermordeten ehren. Für die Verfolgten, die 1945 überlebt hatten, kommt die Ehrung leider zu spät. Das ist sehr bitter. Der letzte aus der Haftgruppe der Homosexuellen, der uns bekannt war, ist im November 2005 verstorben. Es war Pierre Seel. 1941, als 17jähriger, wurde er im besetzten Elsass verhaftet, von der Gestapo gefoltert, in verschiedene Lager verschleppt. Im Lager Schirmeck-Vorbruck musste er der Hinrichtung seines Freundes zusehen, seiner ersten großen Liebe. Pierre Seel erinnerte sich später:

"Alle Gefangenen mussten auf dem Hauptplatz antreten, dazu gab es Musik. … Wagner, etwas Militärmusik auch. Ich stand vielleicht zehn Meter von meinem Freund entfernt. Man hat ihn nackt ausgezogen, einen Eimer auf den Kopf gesetzt und die deutschen Schäferhunde losgelassen. Er wurde vor unseren Augen von den Hunden zerrissen und gefressen. Überall war Blut.“

Die Erinnerung an das Unrecht wachhalten - so lautet eine weitere Aufgabe dieses Gedenkortes. Die Erinnerung daran, dass die Lebenswelten von Lesben und Schwulen 1933 radikal zerschlagen wurden. Erinnerung an das Verbot der Vereine und Zeitschriften, an Razzien, an die Verschärfung des § 175, an zehntausende Strafprozesse gegen schwule Männer, Erinnerung an Zuchthaus, an KZ, an den Rosa Winkel, an Folter, an grauenvolle pseudomedizinische Versuche, an Zwangskastrationen, an tausendfaches Morden.

Die überlebenden homosexuellen NS-Verfolgten wurden nach 1945 keinewegs mit offenen Armen empfangen, weder im Westen noch im Osten. Im Gegenteil, sie wurden angefeindet und verachtet – ähnlich wie die Überlebenden des Völkermords an Sinti und Roma, wie die Opfer von Zwangssterilisierung oder die Deserteure der Wehrmacht. Auch an dieses Unrecht nach 1945 ist zu erinnern.

Das Morden war vorbei, aber die Verfolgung ging weiter. Einige Rosa-Winkel-Häftlinge wurden nach der Befreiung aus dem KZ sofort wieder ins Gefängnis gesteckt. Sie mussten allen Ernstes ihre Reststrafe nach § 175 absitzen. Es ist ein monströser Schandfleck unserer Demokratie, dass das Homosexuellen-Strafrecht der Nazis bis 1969 unverändert in Kraft blieb. Es gab in der Bundesrepublik 50.000 Verurteilungen nach § 175 – genauso viele wie in der NS-Diktatur. Weitere Generationen Homosexueller wurden um ihr Lebensglück betrogen. Es ist ungeheuerlich, dass im demokratischen Staat Menschen im Gefängnis landeten, nur weil sie anders liebten. Das waren schwere Menschenrechtsverletzungen. Auch dieses Unrecht muss endlich aufgearbeitet werden!

Das Denkmal erinnert an die Schrecken der Vergangenheit, ist aber zugleich ein Meilenstein gesellschaftlicher Anerkennung. Endgültige Abschaffung des § 175 in 1994, Eingetragene Lebenspartnerschaft, Gleichbehandlungsgesetz und jetzt das Denkmal – ich will es ganz persönlich formulieren: Es lebt sich heute als homosexueller Mensch anders in diesem Land. Man spürt festeren Boden unter den Füßen.

Dass dieses Denkmal möglich wurde, beschlossen vom Bundestag, realisiert mit Unterstützung der Bundesregierung, bringt zum Ausdruck: Verachtung und Unterdrückung von Homosexualität ist kein Naturgesetz, sondern ein unseliger Traditionsrest aus vordemokratischer Zeit. Homosexuellenfeindlichkeit ist hartnäckig, aber eine gesellschaftliche Krankheit, die überwunden werden kann.

Das sendet ein Signal der Hoffnung in die ganze Welt. In vielen Ländern werden Lesben, Schwule und Transsexuelle misshandelt, ja ermordet, ohne dass staatliche Behörden eingreifen. In über 80 Staaten herrscht Strafverfolgung, in einigen steht auf gelebte Homosexualität die Todesstrafe. Stellen Sie sich das einfach plastisch vor, was es für ein Leben ist, wenn ein Liebespaar jede Nacht fürchten muss, dass die Sittenpolizei an die Tür klopft. Das ist ein Leben bar jeder Menschenwürde. Aus seiner Geschichte heraus hat Deutschland die Pflicht, klare Kante zu zeigen gegen jede Form von Menschenrechtsverletzungen an Lesben, Schwulen und Transsexuellen in der ganzen Welt.

Es schon viel über das Denkmal gesagt worden. Ich persönlich finde es großartig. Der Videowechsel wird das Denkmal immer wieder verändern, neue Diskussionen anstoßen, gerne auch weiteren Streit. Das Denkmal soll Anstoß erregen, weil viele uns weiter anstößig finden. Ein Kuss im öffentlichen Raum kann auch heute noch Gefahr bedeuten, auch in Berlin. Gewalttätern reicht oft allein der Anblick eines gleichgeschlechtlichen Paares, um brutal zuzuschlagen. Ein Drittel der Deutschen – eine Erhebung von 2007! - findet es eklig, wenn sich Homosexuelle küssen. Der Kuss in der Stele trifft also voll ins Schwarze. Er markiert exakt die Trennlinie zwischen abstrakter Toleranz und ganz konkreter Akzeptanz. Dieses Denkmal ist alles andere als ein Schlussstein. Es setzt auch für die Gegenwart ein starkes Zeichen für Respekt, gegen Intoleranz und Hass.

Viele Persönlichkeiten haben seinerzeit unseren Aufruf unterschrieben, Paul Spiegel seligen Angedenkens, Romani Rose, Lea Rosh, Marianne Birthler, Günter Morsch und viele, viele andere, die ich gar nicht nennen kann. Allen Unterstützerinnen und Unterstützern danke ich von ganzem Herzen. Unser Aufruf für das Denkmal begann mit dem selbstbewussten Satz: „Die Bundeshauptstadt Berlin braucht einen Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen.“ Jetzt ist der Gedenkort da und braucht Sie, braucht uns alle, damit er lebendig bleibt - als eine Landmarke schwulen und lesbischen Selbstbewusstseins, als ein würdiger Platz der Erinnerung an unsere Toten und als ein Ort, der die ganze Gesellschaft angeht.

Video der Rede von Günter Dworek bei youtube

Pressemitteilung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung

Meldung des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin

Rede von Albert Eckert (Initiative „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“)

Rede von Linda Freimane (ILGA Europe - International Lesbian and Gay Association)

 
für die gesamte Website: © Alexander Zinn 2008
Aller verfolgten im Nationalsozialismus gedenken - Winkel in allen Farben der Haftgruppen