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Einweihung des Homosexuellen-Denkmals

Rede von Albert Eckert,
Sprecher der Initiative „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“

Sehr geehrte Damen und Herren,

unsere Denkmals-Initiative gründete sich 1992 und von Anfang an beschäftigte uns die Frage, ob und wie die Unterschiedlichkeit der Situation von Lesben und Schwulen im Nationalsozialismus im Denkmal zum Ausdruck kommen kann. Schwule wurden im NS brutal verfolgt, doch es gab auch einzelne vom NS begeisterte schwule Männer, schwule Täter. Nach dem Krieg ging die Verfolgung Schwuler in unterschiedlicher Weise in den beiden Deutschlands weiter. Lesbische Frauen wurden weder im NS, sieht man von Österreich ab, noch danach systematisch verfolgt, doch auch sie lebten in einem Klima der Angst, oft in heterosexueller Tarnung - und es gab beklemmende einzelne Schicksale. Konnte an all das ohne Geschichtsklitterung zugleich in einem Denkmal erinnert werden, das dazu noch ein deutliches Zeichen für heute setzen sollte?

Wir glaubten zeitweise selbst nicht alle daran und hofften, dass Künstler dies schaffen würden. Schon bei unserer ersten offenen Wettbewerbs-Phase meldeten sich neben vielen anderen Michael Elmgreen und Ingar Dragset, für deren Entwurf sich später ein Preisgericht entscheiden sollte.

Sie kaperten gleichsam eine der Stelen des Eisenmanschen Denkmals für die ermordeten Juden Europas und füllten sie mit zusätzlichem Gehalt. Diese durchtriebene Form künstlerischer Aneignung, „appropriation“ wie sie es nennen, scheint zu sagen „Wir sind gleich und doch anders“.

Der Wechsel des Videos alle 2 Jahre hat das ursprüngliche Denkmalkonzept radikalisiert. Immer wieder neu geht es um ein In-Erinnerung-Rufen und nicht um ein statuarisch-abgeschlossenes Gedenken.

Ich bin auf die nächsten Filmprojekte in dieser sich stets wandelnden Stele gespannt. Diese Filme werden nicht dauerhaft auf eine dröge Quotierung „mal schwul, mal lesbisch“ zu reduzieren sein, sondern – da habe ich Vertrauen in eine Jury-Auswahl nach künstlerischen Kriterien - immer wieder neu sexualpolitische Debatten um Identität und Geschlecht reflektieren und anstoßen.

Das Ringen um historische Wahrheit und um Fragen lesbischer und schwuler Identität, wie sie rund um dieses Denkmal stattfinden, ist vielleicht die wichtigste Ehrung, die wir den Opfern zuteil werden lassen können: Wir vergessen sie nicht, sondern mühen uns mit den Formen des Erinnerns.

Das Denkmal soll nicht zeigen, wie „normal“ wir als Lesben und Schwule in der Gesellschaft geworden sind. Wir wollen nicht „normalisiert“ werden, uns heterosexuellen Mustern in unseren Lebensstilen freundlich anpassen. Nein, wir wollen gerade in unserer Verschiedenheit, in unserem Anderssein und mit unseren vielgestaltigen Szenen anerkannt werden, - nicht weil wir so nett und „normal“ sind.

In den Straßen Berlins gibt es bisher kaum einen baulichen Ausdruck lesbischen und schwulen Lebens, obwohl wir so viele in dieser Stadt sind. Großen Dank an Michael Elmgreen und Ingar Dragset dafür, dass sie den Anfang gemacht haben und ein kleines, dabei unübersehbares und kraftvolles Zeichen für uns mitten in Berlin geschaffen haben!

Der Weg bis zu diesem Denkmal war lang, deshalb erlauben Sie mir weitere Worte des Dankes, zunächst an die Gründungs-Mitglieder der Initiative „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“, an Ewald Kentgens, Detlev Pusch und Christoph Vogtherr, die mit mir seit 1992 unverdrossen für das Denkmal stritten, sowie vielen anderen, die uns einen Teil des Wegs begleiteten und unterstützten.

Besonderer Dank gebührt dabei dem LSVD. Ohne ihn hätte das Projekt die parlamentarisch-politischen Hürden nicht nehmen können. Vor allem Günter Dworek und Detlef Mücke, mit denen wir seit dem Jahr 2000 Seite an Seite wirkten, mein Dank für Jahre verlässlicher Zusammenarbeit!

Für die Mehrheiten im Parlament waren vor allem zwei schwule Abgeordnete entscheidend, die ihre Fraktionen für uns gewannen: Volker Beck von den Grünen, der uns seit Gründung unterstützte, und Johannes Kahrs, der die SPD-Fraktion von der Notwendigkeit des Denkmals überzeugte. Die CDU stimmte 2003 dagegen. Leider.
Zu danken ist auch der Landesregierung, die das Grundstück stellt und aus der uns besonders der Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen sowie in der Wettbewerbs- und Bauphase verschiedene Mitarbeiter der Kultur- und der Bauverwaltung und des Bezirks halfen.

Danke an Uwe Neumärker und das Team von der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ für die vorzügliche Vorbereitung der heutigen Veranstaltung und die weitere Betreuung des Denkmals. Ich fände es, nebenbei bemerkt, besser, wenn künftig auch der Name der Stiftung ihre erweiterten Aufgaben ahnen ließe. Sie vermag diese, da bin ich zuversichtlich, zu erfüllen.

Danken möchte ich jenen Institutionen, die den schwulen Kuss, der es leider nicht bis auf die Einladungskarte geschafft hat, heute international sichtbar werden lassen. Der Film, den sie in der Stele sehen, läuft zu dieser Stunde in gut einem Dutzend Museen in allen skandinavischen Ländern, in 2 australischen Museen und in der Tate Modern in London. Allen Beteiligten an dieser wunderbaren internationalen Kollaboration großen Dank aus Berlin!

Ein besonders warmer Dank geht schließlich an das SchwuLe Museum in Berlin, das übrigens immer lesbischer wird und uns stets unterstützt hat. Für das SchwuLe Museum werden - nach der folgenden Rede von Linda Freimane von der International Lesbian and Gay Association – einzelne Sprecherinnen und Sprecher in der Nähe des Denkmals kurze biografische Notizen über schwule Männer und lesbische Frauen aus der NS-Zeit verlesen. Bitte nehmen Sie sich die Zeit und hören Sie noch ein wenig zu.

Zuletzt ein offenes Wort an all jene,

  • die es für skandalös halten, dass der Bund und das Land Berlin hier an das Unrecht erinnern, das Homosexuellen angetan wurde,
  • die es für unerhört halten, dass der Staat ein kraftvolles Zeichen gegen Intoleranz gegenüber Schwulen und Lesben setzt,
  • und die es widerlich finden, wenn ein gleichgeschlechtliches Paar sich küsst.

Ihnen rufe ich zu: Auch und gerade für Sie ist dieses Denkmal gebaut! Wenn es Sie stört, umso besser!


Video der Rede von Albert Eckert

Pressemitteilung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung

Meldung des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin

Rede von Günter Dworek (Bundesvorstand Lesben- und Schwulenverband LSVD)

Rede von Linda Freimane (ILGA Europe - International Lesbian and Gay Association)

 
für die gesamte Website: © Alexander Zinn 2008
Aller verfolgten im Nationalsozialismus gedenken - Winkel in allen Farben der Haftgruppen