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Homosexuelle Opfer nationalsozialistischer Verfolgung:

Kontroverse ums Küssen im Denkmal

Eberhard Zastrau im Gedenkstätten-Rundbrief Nr. 138, August 2007


Im Herbst soll es nun fertig werden – das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Seit Juni zeugt ein Erdhaufen gegenüber vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas bereits von begonnenen Bauarbeiten. In Anlehnung an das Stelenfeld Eisenmans auf der anderen Straßenseite wird hier nun eine deutlich vergrößerte Stele platziert, die zudem auch stärker geneigt ist. Durch ein kleines Fenster können die Besucher einer Videosequenz zuschauen, die in einer Endlosschleife zunächst zwei sich küssende Männer zeigt. Alle zwei Jahre soll dann – der als Kompromiss bezeichneten Entscheidung zufolge – ein neues Video die küssenden Männer ablösen, damit auch Frauen sich vom Denkmal angesprochen fühlen können.

1999 hatte der Bundestag beschlossen, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu bauen. Im Beschluss hieß es, auch für die anderen Verfolgtengruppen solle ein würdiges Gedenken geschaffen werden. So zeichnete sich bald ab, dass es je ein weiteres Denkmal für Sinti und Roma und für die verfolgten Homosexuellen geben würde. Auch ein Denkmal für die Opfer der "Euthanasie" ist weiterhin im Gespräch>.

Zwar hatte sich schon 1992 eine Initiative für ein Homosexuellen-Denkmal gebildet, doch erst nach dem Beschluss für das Holocaust-Denkmal begann die systematische Arbeit für einen Gedenkort, der an die verfolgten Homosexuellen erinnern soll. Die ursprünglichen Initiatoren rund um Albert Eckert hatten zuvor eher verhalten argumentiert: Wenn es ein Denkmal für die ermordeten Juden gebe, dann sollten auch die verfolgten Homosexuellen nicht weiter totgeschwiegen werden. 2000/2001 kam der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) als weiterer Initiator zum Denkmal-Projekt dazu.

Und auch der Bundestag selbst hatte begonnen, sich der Erinnerung an die Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Zeit anzunehmen: Im Jahr 2000 verabschiedete der Bundestag einen Beschluss, in dem er den Unrechtscharakter der NS-Verfolgung von Homosexuellen hervorhob, im Jahr 2002 folgte die Korrektur des NS-Unrechtsaufhebungsgesetzes und damit die pauschale Aufhebung der NS-Urteile nach § 175 StGB. Am 12. Dezember 2003 schließlich entschied der Bundestag, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen zu bauen. Das Land Berlin hatte bereits zuvor das Grundstück für den Gedenkort angeboten, die Kosten für Kunstwettbewerb und Bau übernahm der Bund in Höhe von 600 000 Euro. Mit der Durchführung des Wettbewerbs und dem Bau des Denkmals beauftragte der Bund in einer Verwaltungsvereinbarung das Land Berlin, die Abstimmung mit den Initiatoren war vereinbart.

Kunstwettbewerb nach offener Bewerbungsphase

Öffentliche Auftraggeber bevorzugen inzwischen, Kunstwettbewerbe beschränkt – also nur für einen Kreis einzeln eingeladener Künstler – auszuloben. Doch verbot sich ein solches beschränktes Verfahren für diesen Gedenkort. Einen vergleichbaren Auftrag für ein Kunstwerk im öffentlichen Raum zu diesem Thema hatte es bislang nicht gegeben. Es wurde daher eine offene Bewerbungsphase eingeführt, die von Denkmal-Initiative und LSVD gemeinsam organisiert und verantwortet wurden. Aus dieser Bewerbungsphase sollten bis zu sieben Bewerbungen zum nachfolgenden Kunstwettbewerb eingeladen werden. 127 Bewerbungen wurden im Januar 2005 eingereicht, darunter auch eine nennenswerte Zahl internationaler Bewerbungen. Die Auswahlkommission hatte keine Schwierigkeiten, sieben Bewerbungen für eine Einladung zum Wettbewerb vorzuschlagen – eher hätte man gern mehr vorschlagen wollen, was aber nicht möglich war. Im üblichen Verfahren für einen eingeladenen Kunstwettbewerb wurden weitere Künstler anhand ihrer Werkliste und ihres Lebenslaufes ausgewählt. 17 Entwürfe kamen so zustande, über die das Preisgericht des Wettbewerbs zu entscheiden hatte. Alle drei Entwürfe, die in die engere Wahl gekommen waren, hatten den Weg in den Wettbewerb über die Bewerbungsphase gefunden. Das bestätigt den Wert der Bewerbungsphase.

Um die Beteiligten des Wettbewerbs über Hintergrund und Zusammenhang des Themas für den Wettbewerb zu informieren, fand ein zweitägiges Auftakt-Kolloquium im April 2005 statt. Deutlich betont wurden die unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen der verfolgten homosexuellen Männer und der diskriminierten und unterdrückten lesbischen Frauen in der Nazizeit. Dennoch – so Günter Dworek für den LSVD – sollte das zu gestaltende Denkmal keinen die Lesben ausschließenden Charakter bekommen“.

Der ausgewählte Entwurf und die beiden Entwürfe der "engeren Auswahl"

Im Januar 2006 wählte das Preisgericht unter Vorsitz von Prof. Radermacher den Entwurf des dänisch-norwegischen Künstlerteams Michael Elmgreen und Ingar Dragset aus. Der zur Realisierung vorgeschlagene Entwurf greift die Form der Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden Europas auf. Die einzelne und vergrößerte Stele bekommt allerdings ein Innenleben: Durch ein kleines Fenster kann man eine dreiminütige Videosequenz betrachten, die als Endlosschleife einen Kuss zwischen zwei Männern zeigt. Prof. Radermacher lobte den Entwurf, da er ohne verbale Hilfestellung das Thema des Denkmals direkt und doch subtil hervorhebt.

In die engere Auswahl des Preisgerichts kamen auch der Entwurf von Katja Augustin, Jörg Prinz und Carsten Wiewiorra und der Entwurf von Holger Beisitzer. Augustin, Prinz und Wiewiorra schlugen vor, eine Baumreihe aus Blutbuchen zu pflanzen, die von der Lichtung am Rand des Tiergartens zur Wiese im Innern des Tiergartens führen. Die Baumreihe soll zugleich als ein etwas vertiefter Weg gestaltet sein, die Begrenzungssteine des Wegs dienen als Sitzgelegenheiten. Die Bäume sind mit eingeritzten Namen und Daten versehen, die als Zeichen der Liebe und des Verlusts stehen. Beisitzer schlug vor, das Wort homosexuell“ in circa 4 Meter hohen Buchstaben aus Metall als weithin sichtbare und vor allem lesbare Skulptur in den Tiergarten zu setzen, er setzt auf die noch immer als provokativ empfundene Wirkung des Worts selbst.

Diese drei Entwürfe stehen für eine je ganz verschiedene Annäherung an das Thema. Während Beisitzer eine plakative Form gefunden hat, laden Augustin, Prinz und Wiewiorra zum Verweilen und Nachdenken ein. Elmgreen und Dragset benutzen gleichsam eine Kulturtechnik der Selbstbehauptung von Homosexuellen: Die Übernahme von etwas Vorhandenem, das umgedeutet wird und damit signalisiert: Ich bin auch da, ich gehöre auch dazu, aber ich bin eben auch etwas Eigenes, Spezifisches, ein wenig Subversives.

Der Streit um die "Repräsentation" im Denkmal

Schon 1996 fand ein Kongress statt, der die Forderung nach einem Homosexuellen-Denkmal bekräftigen und allererste Kriterien für Ort und Gestaltung diskutieren sollte. Ein halbes Jahr zuvor hatten sich im Frieda-Frauenzentrum Lesben getroffenen und darüber beraten, ob sie sich an der Initiative beteiligen sollten. Das Lesbentreffen lehnte eine Mitarbeit am Denkmal-Projekt ab. Zu groß seien die Unterschiede in der historischen Situation von homosexuellen Männern und lesbischen Frauen zur Nazizeit gewesen, als dass sich eine gemeinsame Initiative entwickeln ließe. In der Folgezeit entstand in Bochum eine Ausstellung zur Situation von Lesben in der NS-Zeit, die sich sehr bewusst auf die Lage der Frauen insgesamt im Nationalsozialismus berief und die Geschlechterrollenpolitik der Nazis als entscheidenden Faktor auch für die Lage der Lesben begriff. Weder gab es danach die Forderung nach einem eigenständigen Denkmal für die Lesben, noch beteiligten sich Lesben an der Initiative für das Homosexuellen-Denkmal. Das änderte sich erst, als der Wettbewerb für das Denkmal bereits entschieden war. Im Mai – als die Wettbewerbsbeiträge öffentlich ausgestellt wurden – meldeten sich zwei Lesben mit einem Leserbrief in der taz zu Wort und kritisierten die mangelnde Repräsentation der Lesben im Denkmal. Ende August 2006 schaltete sich Emma“ ein und begann eine Kampagne: "Mal wieder die Frauen vergessen!"

Der Bundestag hatte in seinem Beschluss zur "Errichtung eines Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" noch festgehalten: "Mit diesem Denkmal wollen wir
die verfolgten und ermordeten Opfer ehren,
die Erinnerung an das Unrecht wach halten und
ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen."

Das dritte Teilziel dieser Reihe bot den Hauptanlass für die Forderung nach "Sichtbarkeit der Lesben im Denkmal". Ab November bemühte sich Emma, auch eine gezielte Lesbenverfolgung der Nazis zu belegen. Der Berliner Historiker Andreas Pretzel forderte im Januar 2007 auf einer Veranstaltung, nach den Legenden vom schwulen Nazi und vom Homocaust (der ungerechtfertigten Gleichsetzung der Homosexuellenverfolgung mit dem Völkermord an den Juden) auch die Legende einer Lesbenverfolgung endlich zu überwinden. Er plädierte deshalb dafür, das Denkmal für die homosexuellen Männer so zu bauen, wie es das Preisgericht empfohlen hatte. Daneben sollte aber für die lesbischen Frauen ein eigenes Mahnmal platziert werden. Inzwischen hatten die Künstler einen Vorschlag unterbreitet, wonach alle zwei Jahre ein neues Video gezeigt werden sollte – von jeweils neu zu bestimmmmenden Künstlern.

Seitens der Gedenkstätten wurde die Vermengung von Erinnerung – und Gedenken – mit tagespolitischen und zukunftsorientierten Zielen kritisiert. Schon im Dezember 2006 meldete sich der Arbeitskreis I der Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg mit einer Erklärung zu Wort. Im Mai 2007 erklärte die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland: "Das Andenken an die homosexuellen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung [rückt] offenbar immer mehr in den Hintergrund und auch die historischen Tatsachen werden gegenwärtigen und zukünftigen politischen Zwecken mehr und mehr untergeordnet. Die Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke – und mag sie noch so gut gemeint sein – beschädigt und delegitimiert aber die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Ganzen."

Am 4. Juni, gerade 14 Tage später, verkündete Staatsminister Neumann jenen Kompromiss, der nach zwei Jahren ein neues – wahrscheinlich Lesben zeigendes – Kussvideo vorsieht. Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses befindet sich der Text für eineergänzende Informationstafel gerade im Abstimmungsprozess. Jens Bisky beklagte am 23. Juni in der Süddeutschen Zeitung: "Über den Streit, ob Lesben im Dritten Reich ebenso verfolgt worden sind wie Schwule, gab es nicht einmal eine Historiker-Anhörung. Warum wird der Streit nicht ausgetragen?"


Eberhard Zastrau, Öffentlichkeitsarbeiter, war von 2001 bis Herbst 2007 Mitglied im Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

Ergänzende Informationen:
  http://www.gedenkort.de

zur Debatte über die Legenden rund um die Homosexuellen-Verfolgung:
http://www.schwule-geschichte.de

 
für die gesamte Website: © Alexander Zinn 2008
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