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Streifzüge – BERLIN-TIERGARTEN

Zwei Jahre Männer, zwei Jahre Frauen

Mechthild Küpper, Frankfurter Allgemeine vom 5. Juni 2007

Wer vom Brandenburger Tor aus den Tiergarten ansteuert, kommt zum Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, das seit zwei Jahren fast immer gut besucht wird. Zwanzig Jahre hat es gedauert und viele Diskussionen mussten durchgestanden werden, bis es gebaut wurde. Ebenso schwierig schien es bei den Mahnmalen für die verfolgten Zigeuner und die Homosexuellen zu werden, die ganz in der Nähe entstehen sollen. Die Wettbewerbe sind entschieden, die Gestaltung steht fest, Geld ist vorhanden. Bevor aber gebaut werden kann, musste ein erbitterter Streit geschlichtet werden, an wen eigentlich wie erinnert werden soll.

Die Roma halten an einer Formulierung fest, nach der sie demselben Vernichtungswillen ausgeliefert gewesen seien wie die Juden. Den Begriff Zigeuner möchten sie gar nicht lesen. Im Streit über das Denkmal für die Homosexuellen lagen die Dinge noch komplizierter. Die Zeitschrift "Emma" führte mit langem Atem eine Kampagne gegen den Entwurf von Michael Elmgreen und Ingar Dragset und gewann dafür die Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters Wowereit (SPD) und von Bürgermeister Wolf (Linkspartei). Sie nahmen Anstoß daran, dass die Besucher durch ein Fenster des Mahnmals als Endlosfilmschleife zwei sich küssende Männer sehen sollten. Schließlich hatten die Nazis den Paragraphen 175 so verschärft, dass jede "Unzucht unter Männern" unter Gefängnisstrafe gestellt wurde. Und die Frauen? Dass lesbische Frauen systematisch verfolgt wurden, war in der Forschung bislang nicht bekannt.

Dass die Frauen "vergessen" worden waren, konnten bislang weder Historiker noch die Frauen belegen, die das behaupten. Deshalb hieß es nach einer Weile, die Lesbenverfolgung der Nazis sei eben geheim vonstattengegangen. Wie der "Lesben- und Schwulenverband" und Kulturstaatsminister Neumann am Montag mitteilten, konnte nun ein Kompromiss gefunden werden: Zwei Jahre wird in dem Mahnmal-Film ein sich küssendes Frauenpaar, zwei Jahre ein sich küssendes Männerpaar gezeigt. Vergeblich hatten die Leiter der deutschen KZ-Gedenkstätten noch dieser Tage davor gewarnt, nicht aus noch so gut gemeinten aktuellen politischen Zwecken "die Verzerrung der Vergangenheit" zu betreiben.

 

hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung

 
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