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Rede des Berliner Historikers Andreas Pretzel zur Gedenkfeier am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am 27. Januar 2009
 

Andreas Pretzel
 

Mahnmal und Erinnerung, Öffentlichkeit und Gedenken

Ich möchte über Erinnerung, Öffentlichkeit und Gedenken reden. Der Platz am Mahnmal zur Homosexuellenverfolgung ist dafür ein guter Ort. Denn das Mahnmal steht zunächst als Zeichen für die Aufforderung
zur Erinnerung und wird zugleich als Ort für Gedenken genutzt. Es ist ein öffentliches und sichtbares Zeichen. Und es ist nicht unumstritten. Allein die Tatsache der Öffentlichkeit vermag – wie wir im letzten halben Jahr erfuhren – zu Bedrohungen zu führen. Zweimal wurde versucht, das Mahnmal zu beschädigen. Und ich vermute, dabei handelt es sich weniger um einen Anschlag, der sich gegen die Erinnerung an die Verfolgung richtete,
als vielmehr um eine Gewalt, die sich quasi stellvertretend gegen ein öffentliches Zeichen für Homosexualität wandte. Gerade solch ein Zeichen, wie es der Kuss im Mahnmal repräsentiert.
Er irritiert, verstört und vermag offenbar auch Aggressionen hervorzurufen. Und diese beschränken sich nicht auf Sachbeschädigung. Denn wie wir ebenfalls im letzten halben Jahr erfuhren, kommt es in Berlin auch zu persönlichen Angriffen gegen Homosexuelle. Und das nicht nur, wenn sie sich nahe kommen, genau so wie es Heterosexuelle auch tun, in der S-Bahn oder auf der Straße, mitunter reicht bereits der Umstand, das sie öffentlich sichtbar werden und als Homosexuelle erkannt.
 
Wie die zwei Frauen in Berlin Lichtenberg, die Drag-Kings in Kreuzberg oder die Männer, wie jüngst in Schöneberg, die bedroht, beleidigt, geschlagen und erheblich verletzt wurden. Mir scheint, dass die Angriffe aufs Mahnmal mit den Überfällen auf Homosexuelle in Zusammenhang stehen, weil sie sich aus ähnlichen homophoben Motiven herleiten. Deshalb steht das Mahnmal zum einen für die Erinnerung an die staatliche Verfolgung Homosexueller, die überwunden werden konnte. Darauf kann sich auch Stolz gründen, wie auf die Tatsache, dass es überhaupt zu diesem Mahnmal als öffentlichem Zeichen kam. Zum anderen steht das Mahnmal als gegenwartsbezogenes sichtbares Zeichen gegen Intoleranz und Homophobie, die nach dem Ende der staatlichen Gewalt in Teilen der Bevölkerung fortwirkt und Homosexuelle bedroht, eine Gewalt, die sie mitunter persönlich verfolgt.

Das Mahnmal repräsentiert mithin ein Zeichen öffentlicher Selbstbehauptung, die in unserer Gegenwart weiterhin vonnöten ist. Es war mühsam, diese Öffentlichkeit zu erringen. Das zeigt sich auch im Hinblick auf die Geschichte der Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgung. Erst seit den 1980er Jahren wurde das Gedenken an die Verfolgung Homosexueller während der Nazi-Zeit schrittweise zum Bestandteil
der staatlichen Erinnerungspolitik in Deutschland. Jahrzehntelang wurde sie verschwiegen, ignoriert, relativiert und mit Vorbehalten bedacht. Öffentliche Denkmäler zur Homosexuellenverfolgung, wie das Mahnmal, vor dem wir stehen, nehmen auf die Nazi-Verfolgung Bezug, und scheinen zugleich wichtig, um den weiter bestehenden homophoben Tendenzen der Gegenwart entgegenzutreten. Als Mahnmale können sie aber erst dann ihre erwünschte Wirkung entfalten, wenn wir im kollektiven Gedächtnis auch die Erinnerung an die Verfolgten wach halten. Hier – in diesem Rückbezug trotz gegenwärtiger Bedürfnisse – liegt eine besondere Verantwortung.
Denn mit dem Mahnmal beanspruchen wir das Leid anderer, das Leid einer vergangenen Generation.

Wir rufen den Staatsterror ins Gedächtnis, dem Homosexuelle während der Nazi-Zeit ausgesetzt waren, und meinen zugleich das Hier und Jetzt, appellieren an die Gegenwart. Diese Ambivalenz von Erinnerung gilt es zu bedenken, wenn wir gedenken. Erinnern heißt vergegenwärtigen. Und dabei geht es nicht nur darum, die Tatsache von Verfolgung zu vergegenwärtigen, um ihr als mahnendes Exempel einen bleibenden Platz in der Erinnerung und der Gegenwart zu verschaffen. Es geht auch darum, an die Verfolgten zu erinnern. Ihre Schicksale zu vergegenwärtigen. Ohne das Wissen über die Verfolgten bleibt das historische Wissen
um die Verfolgung wie die Erinnerung und Mahnung abstrakt. Es geht darum, den Verfolgten wieder einen Namen zu geben, an ihre Lebenswege und Verfolgungsschicksale zu erinnern.
 
Denn im Vergleich zu allen anderen Opfergruppen des NS-Regimes wurde die Erinnerung an die verfolgten Homosexuellen nicht im Familiengedächtnis weiter getragen und bewahrt. Lassen Sie mich deshalb die Gunst der Stunde nutzen, um an zwei Männer zu erinnern, an Max Matschke und Fritz Klaus, für die im vorletzten Jahr zu ihrem Gedenken zwei Stolpersteine in Berlin verlegt wurden. Ich möchte an einen Liebestod vor 70 Jahren erinnern. Es war der 20. Februar 1939, als die Haushälterin die Tür zum Kostümverleih von Max Matschke in der Mauerstraße 78 aufschloss und ihr Gasgeruch entgegenschlug. Vor dem Herd in der Küche fand sie ihren Chef und seinen Lebensgefährten Fritz Klaus leblos auf dem Boden. Sie lagen dicht aneinander. In kürze hätten sie beide ins Gefängnis gemusst. Wie 50.000 andere Männer auch während der NS-Zeit. Ihre Liebe war entdeckt und verraten worden. Denunziert, wie andere auch. Eine geheim gehaltene Liebe, die beide Männer seit 1925 verband. Damals noch, als sie sich kennen lernten, konnten sie zusammen mit Freunden Lokale besuchen, dann, während der Nazi-Zeit zogen sie sich zurück, in Privatheit und Zweisamkeit. Max Matschke und Fritz Klauss wussten, wie schmal der Grat war, auf dem sie sich bewegten.
 
Davon zeugt ein Brief, den Max Matschke am 12. Februar 1938 abschickte, und den er mit Initialen unterschrieb, zur Tarnung:

"Lieber Fritz! Morgen ist unser Gedenktag?
Wie viele Dornen liegen auf unserem zurückgelegten Weg?
Für Deine Liebe und Treue auf vielen Wegen danke ich Dir."

Die Männer lebten getrennt voneinander. Sie hatten eine Wochenendbeziehung. Denn Fritz Klaus war Richter am Amtsgericht in Lübbenau, in diesem Ort gehörte zu den Honoratioren, geachtet und geschätzt.
Max Matschke hatte in Berlin einen gefragten und florierenden Kostümverleih. Er stattete Filmproduktionen aus. Diven wie Zarah Leander und Brigitte Horney gingen bei ihm ein und aus. Der Strafprozess und die drohende Gefängnisstrafe zerstörten die soziale und berufliche Existenz beider Männer. In den Verhören wurden sie gezwungen, ihr Intimleben preiszugeben. Vor Gericht wurde ihr Intimleben erneut in den Dreck gezogen.
Doch ihrer Liebe konnte und sollte dies offenbar nichts anhaben. Sie zogen es vor, lieber gemeinsam in den Tod zu gehen, als mit dem Stigma des Kriminellen ihrer Existenz, ihrer Freiheit und Zweisamkeit beraubt zu werden. Als ihre Gnadengesuche abgelehnt wurden und sie die Aufforderung erhielten, die Haftstrafen anzutreten, trafen sie sich ein letztes Mal. Um gemeinsam in den Tod zu gehen. Damit endete ihre fast vierzehn Jahre dauernde Beziehung.
 
Vor dem Haus in der Berliner Mauerstraße 78, in dem sie vor 70 Jahren in den Tod gingen, liegen die beiden Stolpersteine, die symbolisch an sie erinnern. So sind diese Männer, die sich verstecken, verstellen und verbiegen mussten, heute für jedermann sichtbar das, was sie sein wollten, aber nicht durften: ein Liebespaar wie andere auch.

Das Mahnmal ist ein guter Ort, diese Geschichte zu vergegenwärtigen. Es ist eine der vielen und vielfältigen Lebens- und Verfolgungsgeschichten, die uns zu berühren vermögen und die Erinnerung veranschaulichen.
Auch diese persönlichen Geschichten verdienen Öffentlichkeit.


 

 
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